Die geschichte der Schweren Dragoner, oder wie unser Haus zu seinem Namen kam.
Wer waren diese schweren Dragoner?
Es waren die Beiden ersten Regimenter von „Des Königs Deutsche Legion von 1803.
1803 hatte Napoleon I ganz Hannoverland überrollt und machte es zu einer Provinz von Frankreich.
Am 5.7.1803 mußte der Hannoversche Feldmarschall von Wallmoden die sogenannte „Elbkonvention“ mit dem Französischen Generalleutnant Mortier schließen. Demzufolge musste die Hannoversche Armee aufgelöst werden. Es gab sie nicht mehr.
Der Hannoversche Kurfürst, seit 1714 zugleich auch König von England, erkannte die „Elbkonvention nicht an und ließ sofort im Hannoverland werben für „Des Königs deutsche Legion“.
Großer erfolg. Am 19. Dezember 1803 stand diese Legion. Sie bestand aus den erwähnten beiden Schweren Dragonerregimentern, 3 Husaren- und 8 Infanterieregigimentern, zusammen 13.000 Mann.
Zum 1. Schweren Dragonerregiement unter v. Bock gehörte Christian Griese aus Amelgatzen. Nach einigen kleineren Einsätzen kämpfte die Legion von 1808 bis 1813 in Spanien unter dem Oberbefehl des nachmaligen Herzogs von Wellington gegen die Truppen Napoleons.
Wellington hatte einen eigenartige Art der Kriegsführung.
Er bekämpfte ständig mit Erfolg die Franzosen, ließ sich, aber nie, wenn die Franzosen überlegen waren, besiegen, sondern wich geschickt aus, gelegentlich bis Portugal, um dann wieder mit Erfolg anzugreifen, zumal wenn Napoleon Teile seiner Truppen in andere Kampfgebiete Abgezogen hatte.
So blieb der Krieg in Spanien eine ständige verlustreiche Wunde für Napoleons Kriegsführung.
Als Napoleon 1812 seinen Russlandfeldzug vorbereitete, versetzte Ihm Wellington einen besonders empfindlichen Schlag in der Schlacht bei Salamanca und der den Sieg vollendenden Reiterschlacht bei Garcia am Tag darauf (22. & 23. Juli 1812).Die Reiterschlacht entschieden die beiden Schweren Dragonerregimenter unter v. Bock. Nach der Schlacht von Salamanca war Spanien von den Franzosen befreit und Wellington überschritt die Pyrenäen nach Frankreich hinein.
Wellington hat zweimal über „Des Königs Deutsche Legion“ nach London berichtet.
1811 schrieb er „Es ist nicht möglich, bessere Soldaten zu haben, als es die eingeborenen Hannoveraner sind“. Und nach dem Sieg vollendenden Reitergefecht von Salamanca bei Garcia schrieb er : „Ich habe nie einen kühneren Kavallerie angriff gesehen“.
Am 6. April 1814 war Napoleon endgültig besiegt und musste abdanken. Seine im Süden Frankreichs kämpfenden Generäle setzten den Kampf aber dennoch fort. Da wurden sie von Wellington bei Toulouse vernichtend geschlagen. Wieder war „Des Königs Deutsche Legion“ entscheidend an dem Sieg beteiligt. Der Krieg war beendet. Napoleon wurde auf die Insel Elba Verbannt.
Ende Februar 1815 verließ Napoleon heimlich die Insel Elba, kehrte nach Paris zurück und der Krieg begann von neuem.
Die Armee Wellingtons war inzwischen in die Niederlande verlegt. Das war zu Schiff erfolgt, und unterwegs waren durch Schiffsunglücke große Verluste eingetreten darunter auch der Kommandeur der Schweren Dragoner v. Bock.
Die „Schweren Dragoner“ wurden umgewandelt in „Leichte Dragoner“. Am 18. Juni 1815 kam es dann zu der berühmten Schlacht bei Waterloo, an der die Deutsche Legion wieder beteiligt war. Es ging lange hin und her mit den Erfolgen, bis im letzten Augenblick ja noch die Verstärkung unter Blücher eintraf. Die Franzosen wurden endgültig vernichtend geschlagen und Napoleon wurde auf die Insel St. Helena verbannt, von wo er nicht mehr entweichen konnte.
Hannover war wieder frei. Es konnte wieder eine reguläre Hannoversche Armee aufgestellt werden. Damit war die Aufgabe von „Des Königs Deutsche Legion“ erfüllt. 1816 wurde daher die Legion aufgelöst.
Was wurde aus den Legionären?
Wer es wollte, konnte sich für die neue reguläre Armee melden. Wer von den Offizieren das nicht wollte, wurde als gewesener Berufssoldat mit 50 % seines bisherigen Soldes pensioniert. Wer von den Mannschaften sich nicht zur neuen Armee melden wollte, bekam ein ausreichendes Reisegeld, sofern er Gesund war.
Sofern er verletzt war, man nannte das „invalid“, bekam er eine lebenslängliche Rente, Pension genannt. Derartiges gab es bisher nicht. Es war offensichtlich eine besondere Anerkennung des Königs. Die Empfänger nannten sich voll Stolz auch immer „englischer Pensionär“, das war ihnen wichtiger, als jede Berufsbezeichnung. Der Kameradschaftliche Geist in der Legion war so groß gewesen, das die Offiziere aus Ihren Mitteln einen Hilfsfonds gründeten, aus dem ehemalige Legionäre oder deren Witwen unterstützt werden sollten, falls sie hilfsbedürftig würden.
Was hatte nun 1803 die jungen Leute bewogen, sich in so großer Zahl für die Legion anwerben zu lassen ?
Es waren wohl zwei gründe:
1. Hatten sie erlebt, wie grausam von Anfang an Napoleon ihr Vaterland aussog.
2. wussten sie, dass für sie die Gefahr groß war, das Napoleon sie fassen und in seine Armee zwingen lassen würde, wie er es überall in den eroberten Ländern machte. Dann schon lieber für ihre Heimat von der Ferne aus kämpfen.
Zu diesen freiwilligen hatte auch Christian Griese gehört.
Wer war Christian Griese ?
Er stammte aus uraltem Amelgatzer Geschlecht. Der älteste nachweisbare Vorfahr war Lippold Griese, geb. um 1650. Er war Köthner und Leinweber und hatte 8 Kinder.
Dessen Sohn, ebenfalls Köthner und Leinweber hieß auch Lippold und hatte 10 Kinder.
Dessen Sohn hieß Leopold, 1716 geboren, er war der großvater von Christian Griese. Das Stammhaus war die Köthnerstelle Haus Nr. 14 ganz unten an der Emmer, das letzte haus Fluß abwärts. Der Name Lippold blieb an den grieses hängen. Der letzte, Friedrich Griese, 1945 verstorben, hieß im Dorf nur „Lippels Fritz“.
Der Vater von Christian Griese hieß Carl Griese und war Gefreiter im v. Kielmannseggschen Rgt. Damals waren viele Amelgatzer , besonders viele Grieses, Soldaten, meist Gefreite oder Korporäle. Das war keine Liebe zum Militärismus, sondern wer 2. oder 3. Sohn war und keine Arbeit fand, ließ sich zu Militär anwerben und hinterher mehrmals kaufen, von Leuten, die nicht Soldat sein wollten und an ihrer Stelle einen Soldaten stellten, den sie gut bezahlten. Außerdem war das Soldat sein für viele die einzige Gelegenheit, herauszukommen, die Welt kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln. In damaliger Zeit wurden in der Sommerzeit die Soldaten nach Hause entlassen, wo sie dann ihre oft kleine Landwirtschaft besorgen konnten, um dann im Herbst wieder zur Kaserne zurückzukehren. Carl Griese war dann zuletzt auch Köthner in Amelgatzen.
In diese Welt hinein wurde dann am 17.03.1784 Christian Griese als 5. Kind seiner Eltern geboren, als sein Vater, noch Gefreiter war. Christian Griese war 32 jahre als die Legion aufgelöst wurde.
„Invalide“ war er offenbar nicht, sondern „Wachtmeister, verabschiedet“ wie er sich seitdem lebenslänglich nannte. Darüber hinaus erhielt er – offenbar als besondere Auszeichnung – auch eine Pension, denn in amtlichen Dokumenten wird er zusätzlich zu verabschiedet auch „pensioniert“ bezeichnet. Er kam nach 12 Jahren Krieg ohne auch nur einen Tag Urlaub in die Heimat zurück.
Am 22. Juli 1822 heiratete er die Gastwirtswitwe Elisabeth Grothe, geb. Flebbe. Sein Schwiegervater Flebbe und dessen Frau, geb. Hagemann, aus Bad münder hatten das heutige Gasthaus erbaut, wie es heute noch am Hausbalken zu lesen ist.Der Schwiegervater Flebbe wie auch dessen Sohn waren „Licenteinnehmer“, d.h. sie erhoben Wegzoll am Schlagbaum vor dem Gasthaus, denn nach wenigen Kilometern kam man an die Grenze zur Grafschaft
Waldeck-Pyrmont. Griese übernahm nur die Gastwirtschaft.
Seine Frau hatte aus erster Ehe einen Sohn, der die Gastwirtschaft übernahm, als Griese abgab. Von seinen eigenen drei Söhnen starben die ersten beiden schon im 2. Lebensjahr. Der dritte heiratete 1857 nach Zetel in Oldenburg. So ist von Christian Griese nur die Erinnerung geblieben.
Aber hören wir nun von ihm selbst das eindrucksvollste Erlebnis. Wir verdanken es einem Gedicht in dem der Arzt Dr. Hotzen aus Aerzen es geschildert hat und das in seinem Nachlass gefunden ist.
Es steht jetzt an der Wand des Saales des „Schweren Dragoners“ und ist hier gesondert zu sehen.
Der Inhalt:
Christian Griese wird auf einem Erkundungsritt überfallen, seine beiden Begleiter fallen, er selbst wird ins Lager der Franzosen gebracht und dort nackt in einen Schweinestall gesperrt, damit er nicht fliehen kann. Nachts hört er nebenan sein Pferd wiehern, wühlt sich durch die Mauer, schwingt sich nackt auf das Pferd und jagt durch das Lager der Franzosen davon. Er wird von den Franzosen verfolgt, kommt nach längerer Strecke an einen breiten schlammigen Graben. Er wagt den Sprung, eine Reiterliche Meisterleistung, da er ohne Zaum und ohne Steigbügel nur auf zuredendes ermuntern des Pferdes angewiesen ist. Das Pferd erreicht das andere Ufer, er selbst sinkt in den Schlamm und zieht sich an der Mähne des Pferdes heraus.
Beide gelangen dann wieder zu ihrem Regiment. Dr. Hotzen beschreibt dann, wie griese am schluß seiner Erzählung zu Tränen erschüttert ist und still ins Haus geht. Dann schreibt Dr. Hotzen weiter:
„Noch steht mir die hohe ernste Gestalt dieses alten Kriegers lebendig vor der Seele, mit seinen Kniehosen, Schuh und Schnallen und blauer Jacke, die spärlichen Silberlocken quollen unter der Timpelmütze hervor. Er war ein ernster schweigsamer Mann, der sich nur selten und unter besonderen Umständen zu der Erzählung dieses aufregendsten Ereignisses in seinem Leben entschloß, „weil es ihn zu sehr angriff“. Früher trug das Krugschild das Bild eines grünen Baumes. Als aber der Alte die Wirtschaft abtrat, veranlasste der Amtmann Heyse zu Aerzen, ein Mann von Lebhaftem Gefühl für alles Große, jenem ein Schild mit einem Schweren Dragoner der Legion herstellen zu lassen. Am Morgen der Übergabe, wurde der Alte damit überrascht . Er ließ es sich auch gefallen und rügte nur, dass dem Bilde die zweite Tresse des Wachtmeisters auf dem Ärmel fehlte“.
Soweit der Bericht des Dr. Hotzen.
Was war nun Christian Griese zutiefst für ein Mann ?
Es fällt auf, dass ihn die Erzählung vom Krieg „zu sehr angriff“, dass ihm Tränen kamen.
Er war auf keinen Fall ein Militarist oder gar ein verherrlicher von Kampf und Krieg.
Im Gegenteil: Leid und Tod bedrückten ihn beim Erinnern und Denken an den Krieg. Was hatte er in 12 Jahren alles durchlebt! Die Legion immer wieder auf 13.000 Mann aufgefüllt, hatte in den 12 Jahren 1195 Mann im Kampf verloren. 5863 Mann waren an Verwundungen und Krankheiten umgekommen, denn Lazarettwesen gab es so gut wie gar nicht. 728 waren auf See tödlich verunglückt. Das lastete auf Grieses Gemüt. Ein Mann des Friedens. Aber dennoch ein Mann, dem die Freiheit seiner Heimat jedes Opfer wert war, auch den Kampf. Der krieg war ein übel, aber Unterdrückung und Verlust der Freiheit waren die viel größeren Übel.
Im Kampf für Recht und Freiheit des Vaterlandes hatte er seinen Mann gestanden und war im Grunde stolz darauf. Er nannte sich bei allen amtlichen Einträgen immer nur „Wachtmeister verabschiedet“.
Am 13.03.1859 ist er in Amelgatzen gestorben. Das Gasthaus, das einst nach ihm seinen Namen bekommen hatte, hat nun auch wieder ein Bild eines Schweren Dragoners in den Farben der damaligen Uniform.
Möge Damit das Andenken an diesen Mann eine Mahnung sein: Einsatz für Recht und Freiheit ohne Weichlichkeit und Angst. Aber auch treue Kameradschaft, Bescheidenheit und Redlichkeit im Friedlichen Zusammenleben.
Das Historische Gasthaus „Zum Schweren Dragoner“ war baufällig geworden. Es wurde in den Jahren 1983/84 mit hohen Kosten so wieder hergestellt, das der alte historische Teil erhalten blieb. Dahinter ist viel neues entstanden, ein großer Saal und 4 Kegelbahnen.
Die Wiederherstellung und Neugestaltung wurde von Herrn Wilhelm Reese, dessen Elternhaus es ist, im Verein mit seiner Frau Ella, geb. Schaper, durchgeführt und vollendet.
Geschrieben von Adolf Kleine, Hämelschenburg
Herausgegeben von Wilhelm Reese, Amelgatzen